Thursday, March 12. 2009
Posted by JoKer23
Comments (9) Trackbacks (0) Defined tags for this entry: amok, anarchie, angst, überleben, überwachung, faschismus, freiheit, horror, medienkoller, persönlichkeit, schulen, wahnsinn
Über Amokläufer und Killerspiele
Mensch, Mensch, dachte ich grade, ich sollte wirklich mal wieder, wenigstens ein mal so vor dem Schlafen gehen mal meine Aufmerksamkeit in Richtung reale Welt lenken. Das mit diesem Amoklauf hätte ich glatt verpasst, wenn ich nicht alle paar Tage mal auf dem Stefan Niggemeier Blog wäre und den zufällig heute morgen mal aktualisiert hätte.
Nun, es kam wie es kommen musste: Die öffentlich-rechtlichen Medien schießen sich wieder auf die Spielindustrie ein. Da kommt mir die Galle hoch. Sehr geehrte Schnarch- und Papp- Nasen der Mediananstalten: Jedem aufmerksamen und nicht hirntoten Leser fallen bei allen Amokläufen andere weitaus bedeutendere Parallelen zwischen den in Deutschland residierenden Amokläufern auf. Im Gegensatz zu Ihren Mitschülern, Ihren Freunden und wenigstens 10% der Eltern aller genannten hatten ALLE mehr oder weniger freien Zugang zu Schusswaffen. Wohingegen ich jetzt einfach mal Mutmaße, dass etwa 65% aller männlichen Deutschen im Alter zwischen 12 und 30 schon ein mal ein indiziertes Computerspiel gesehen haben und etwa 10% der genannten Altersgruppe dies sogar als ein Hobby bezeichnen würde. Vermutlich besaßen auch alle Amokläufer einen Rasierer, besuchten zwei mal täglich die Toilette und haben den "Fänger im Roggen" gelesen. Aber Rasierer können wir eben nicht verbieten, da wir sonst böse Taliban-Terroristen nicht mehr von normalen Bürgern unterscheiden können (*seufzt*) und Fänger im Roggen gehört mittlerweile zum Englisch Lehrplan und selbst die höchsten Staatsanwälte des Landes müssen irgendwann mal Scheißen gehen, daher ist es eben einfacher Sachen zu verbieten, die die meisten Menschen jenseits der 50 ohnehin weder verstehen noch leiden können. Der Amokläufer von Emstetten hat sehr genau begründet, warum er Amok läuft. Er hat in einem sog. "Bekennerschreiben" viele Dinge geschrieben, die auch mir sehr nahe gingen. Nur er hat kein Wort über Computerspiele geschrieben, wohl aber über mediale Verblendung der Gesellschaft, über Gesellschaftliche Zwänge und wie ihm das alles gegen den Strich geht. An dieser Stelle möchte ich noch einmal auf die mediale Verballhornung der sog. Killerspiele in Form eines vorzüglichen Videos hinweisen. Weiterhin möchte ich sagen, dass ich über einen Zeitraum von mehr als 10 Jahren CounterStrike, CounterStrike:Source, TeamFortress, Unreal Tournament und ähnliche Spiele gespielt habe. Aktuell spiele ich aktiv World of Warcraft. Bei allen genannten Spielen ist eines der Primärziele IMMER einen, mehrere oder alle Gegner zu töten. Eigentlich fängt die Historie der "Killerspiele" im Prinzip schon bei "Space Invaders" (1978) an, das ist also noch lange vor meiner Geburt und noch länger vor der von Robert Steinhäuser. Warum also diese eklatanten Unterschiede? Wir spielen doch beide gern Killerspiele, warum läuft er Amok und ich nicht? Werde ich bald Amok laufen, wenn ich weiter WoW spiele, oder sollte ich besser auf Tetris umsteigen? Sollte ich mich vielleicht sicherheitshalber einweisen lassen und/oder Antidepressiva schlucken? Sicher, diplomierte Psychologen, die von Pharmakonzernen finanziert werden, würden mir einen derartigen Rat geben, aber ich bin einfach nicht der Typ zum Amoklaufen. Zeit meines Lebens hatte ich innige Freundschaften und leidenschaftliche Beziehungen, ich hatte ein beneidenswert soziales und gebildetes Elternhaus und bis auf die üblichen Reibereien sogar bis heute ein gutes Verhältnis zu meinen Eltern und Geschwistern.
Der generische Amokläufer zeichnet sich besonders durch zwei Eigenschaften aus: 1. Gesellschaftliche Ablehnung Der Amokläufer ist meist in der Schule ein Aussenseiter, ein Freak der wenig bis keine Freunde hat und gesellschaftlich nicht anerkannt ist. Meist kommen auch Zurückweisungen weiblicher Klassenkameradinnen hinzu. 2. Freier Zugang zu Waffen In allen bisher bekannten Fällen eines Amoklaufes hatten die Täter nahezu ungehinderten Zugang zum Teil sogar gewohnheitsmäßigen Umgang zu bzw. mit Waffen. (Bsp.: Auszug des Tagebuchs des Amokläufers von Emstetten) Der Konsum von Videospielen steht bewusst nicht auf dieser Liste, denn viele der Täter besaßen auch einen Rasierapparat und Onanierten, das ist ungefähr gleichermaßen Aussagekräftig. Was außerdem, zumindest in meinen Augen, ein weiterer Gesichtspunkt ist, der wenig besprochen wurde ist das intellektuelle Niveau, auf dem sich die Amokläufer bewegten. Ich will nicht behaupten, dass sie sich als übermäßig intelligent herausstellten, wohl aber, dass Sie auf Ihrem intellektuellem Niveau keine Ventile, Gesprächspartner oder Freunde fanden. Ich persönlich glaube, dass dies einer der primären Gründe dafür ist, dass sie den Halt verloren und nur noch den Freitod als Ausweg sahen. Neben dem Freitod als einzigem Ausweg ist bezeichnend, dass alle einen hohes Maß an Aggression gegen ihre unmittelbare Gesellschaft hegten. Dies lässt Rückschlüsse auf fehlende soziale Strukturen und ein mangelhaftes Gefühl für Werte zu. Das Computerspiele gesetzlichen Freigabeprozessen unterliegen und nur für die geeignete Altersgruppe verkauft werden dürfen ist eine gute Sache. Was keine gute Sache ist, ist Spiele zur Verantwortung zu ziehen, wo die Verantwortung bei der Gesellschaft liegt, wenn auch in einigen Fällen nur bei der näheren Gesellschaft der Person. Ob und in welcher Art und Weise sich ein Mensch durch ein Videospiel beeinflussen läßt ist nach wie vor auch wissenschaftlich nicht vollständig belegt. Was allerdings 100%ig belegt ist, da können sie ungefähr jeden Psychologen, Soziologen, Erzieher und auch jedes Elternteil fragen, was sich mit dem Thema auseinandersetzt: Man läuft nicht automatisch Amok, wenn man PC-Spiele spielt, auch dann nicht, wenn es die brutalsten der Welt sind. Aber lassen wir doch einmal die Killerspiele beiseite, ich denke jeder, der sein Gehirn nicht schon in den reinen Passiv-Modus geschaltet hat, kann begreifen, dass Computerspiele allein keinen Amokläufer machen. Ich erwähnte oben fehlende oder fehlerhafte soziale Strukturen bzw. ein verschobenes persönliches Wertesystem. Dies bringt mich unter anderem zu der Annahme, dass das was einen Amokläufer ausmachen könnte ein schwaches Selbswertgefühl, ein unerfülltes Geltungsbedürfnis und der Wunsch nach dem Freitod ausmacht. Der Freitod selbst erfüllt jedoch das Geltungsbedürfnis nicht. In unserer Momentanen medialen Welt landet man allerdings wenigstens 2-3 Tage auf den Titelblättern einiger Tageszeitungen und wird heiß im Internet und Fernsehen diskutiert. Schuld an den Amokläufen ist also meiner Ansicht nach zu einem nicht unerheblichen Teil, die große mediale Anerkennung, die man erhält, wenn man mit dem Inhalt von Papis Waffenkammer in der Schule ein paar Treffer landet. Trackbacks
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grad eben beim Kolumnistenschwein gefunden, kurz und äußerst schlagfertig:
http://kolumnistenschwein.de/blog/2009/03/11/17/ Comments (4)
Ja, der Ruf nach neuen Verboten und weiteren Kontrollen ist ja immer das Erste, was den ewig Gestrigen einfällt. Und die Verknüpfungen sind wirklich so dumm wie die mit dem Brot (sehr schöne Verdeutlichung des Irrsinns!).
Zur Zeit brechen ja die Geschwüre der kranken Gesellschaft überall auf: Geldgierige Bänker, gewissenlose oder handlungsscheue Politiker, unethische Ärzte, würdelose Priester, unachtsame Bauherren stürzen die Gemeinschaft in die Krise... Ja, und eben auch gewaltbereite Jugendliche, die ihre Potenziale bersten lassen, weil sie die nirgendwo in dieser Gemeinschaft angemessenen verwenden können. Alle stürzen die Gemeinschaft aber nicht nur in die Krise: Sie zeigen auch genau auf, WO und WIE die Krise zustandekommen konnte und WO und WIE angesetzt werden könnte, sie zu bewältigen. Wenn man es denn zur Kenntnis nehmen wollte! Anzusetzen an den am weitesten vom Geschehen entfernten Sachverhalten - wie Spiele verbieten - soll suggerieren, es gehe hier nur um ein paar besonders krasse Einzelfälle. Aber es geht schon lange um mehr: Es geht um den Verlust einer von wirklichen Werten getragenen Gemeinschaft, die den einzigartigen Potenzialen eines jeden Respekt und Beachtung schenkt. Da sind wir weit entfernt davon! Den schwäbischen Jungen hat die Verzweiflung in einen Vergeltungsrausch geführt. Andere spritzen sich mit Drogen zu Tode, andere werden von Umweltgiften schon im Vorschulalter vom Krebs zerfressen, andere werden als ADS- oder depressive Kinder zur Unterstützung der Pharmaindustrie verdammt... Alles nur Einzelfälle! Am besten wäre es, Individualität zu verbieten! Wäre das nicht endlich mal eine Herausforderung, eine echte!? Comments (2)
der untergang ist nahe!
der typ hat übrigens auch tischtennis gespielt... Comment (1)
Is schon witzig, neben Tischtennis, dem Verspeisen von Brot und dem Spielen von Farcry2 hat der gute insbesondere die neu aufgelegten "Erbsenpistolen", die heute "SoftAir" heissen gesammelt.
Und vermutlich hat ihn sein Papa gern mit zum Schießklub genommen und er war angeblich bereits wegen Depressionen in psychatrischer Behandlung. Aber naja, die Medien werden schon recht haben, es wird an Farcry2 gelegen haben, is schon wichtig das die Politiker uns vor solch böser Software schützen. Warum darf eigentlich jemand, der in psychatrischer Behandlung ist mit dem Papa in den Schießklub? Weil Papa bestimmt aufpasst? Comments (4)
Ich wollt nur noch mal eine Frage ins Universum schicken, die mich beschäftigt: Könnte es unter Umständen eventuell irgendwas zu bedeuten haben, dass die meisten Amok-Läufer in Schulen Amok laufen? Also, nur mal so irgendwie soziologisch betrachtet!
Falls ja: Wäre das nicht ein interessanter sozio-kultureller Ansatz für echte Prävention? Falls nein: Dann tät es mich doch sehr interessieren, herauszufinden, woher diese Anziehungskraft für Rachedürstige und Mordlüstige in ebendieser Institution kommt. Comments (2)
Lt. der Aussage verschiedener Psychologen hat das einen ganz einfachen Grund - und zwar ist für den Killerspiele-spielenden Amokläufer die Schule "der" Ort bez.:
- Demütigungen - Aggression - Hass - Unverständnis - Schutzlosigkeit Später könnte sich dieses Bild auf das Berufsleben übertragen. Ich kann dem nur beipflichten - Zwar war ich mit der Schule (im gegensatz zum joker23) sehr zufrieden - was wohl auch daran lag, das ich das meisste davon in der "Täterätäää" durchleben durfte, wo das Schulsystem noch Werte auf soziale Kernpunkte legte. Okay die Jung- und Thälmann-Pioniere waren nichts weiter, als eine verkappte Hitlerjugend - aber es gab ein "Community-Feeling" welches so heute leider an den Schulen nicht mehr existent ist. Während meiner 5jährigen Tätigkeit am Flughafen FFM wäre ich allerdings auch gerne mal Amok gelaufen - Leider standen mir als Waffen nur schwere Schraubenschlüssel und allerhöchstens eine Druckluftpistole zur Verfügung, was einen Amoklauf hätte eher lächerlich wirken lassen. Und sind wir dochmal ehrlich, wer von uns hat den während der Schulzeit oder auch in der Berufsschule nicht mal mit dem Gedanken gespielt - einem bestimmten Lehrer in Farbe und Cinemascope-Format mit einer Pumpgun die Rübe wegzupusten? Mir fallen da gleich ein paar Leute ein, die das heute immernoch verdient hätten. Aber anstatt Amok zu laufen, waren wir dann doch etwas drastischer, als wir den Vornamen eines verhassten Chemielehrers (Tom) in schönen braunen K***würsten vor seiner Wohnungstür modelierten - War eklig - Richtig - Aber die Reaktion war unbezahlbar Comment (1)
Tja, früher gab es in der Schule ja auch mal militärischen Drill. Heute gibt es in der Schule eigentlich nur noch extreme Langeweile für die geistig fitten.
Für mich stellt sich beim Thema Schule immer häufiger die Frage ob wir das nicht vollkommen falsch angehen. Die Lehrer werden immer depressiver und die Schüler immer aggressiver. Zufall? Wohl kaum! Ich halte das heute vorliegende Schulsystem für nicht zeitgemäß. Ich selbst empfand Schule immer als Qual für meinen Geist. Es war schlichtweg entweder uninteressant für mich oder eben nicht ausreichend, wenn es mich dann einmal interessierte. Es gibt so viel bessere Methoden Unterricht abzuhalten und während des Abhaltens schon auf das individuelle Leistungsniveau und die Interessen anzupassen, aber es wird immer alles über einen Kamm geschehrt, jeder bekommt denselben Lehrplan eingetrichtert, friss oder stirb eben. Und wie jeder, der einen Lehrkörper im Freundeskreis hat, bestätigen kann, wirkt sich das nicht nur negativ auf die Gefühlswelt der Schüler aus. Comments (4)
Noch ein weiterer sehr guter und aufklärender Artikel zum Thema:
Die Killerspiele sind schuld @ Zaaltag Auch nicht ganz schlecht, war die TAZ: World of Bullshit (allerdings nicht ganz 100%ig zum Thema) Comments (4)
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